Lang, lang ist’s her…

… dass sich hier etwas ereignet hat. Das liegt unter anderem daran, dass alles, was sich in letzter Zeit ereignet hat, definitiv nicht öffentlichkeitstauglich ist. Und ansonsten sehr kräftezehrend war. Langsam normalisiert sich die allgemeine Großwetterlage aber wieder, also wird es – und wenn es nur ab und zu ist – hier wieder Futter geben.

Fangen wir erstmal ganz harmlos an: ein Buch. Pisa lernt lesen oder so.

Manchmal nehmen Bücher ja ganz seltsame Wege, und dieser war besonders lustig. Ich habe es von einer Frau, die wohl der Meinung war, ich würde dieses Buch dringend benötigen. Wir haben seit Jahren eine ziemlich seltsame Beziehung, die man in einem Satz so umreißen kann: sie hat mich als Ersatztochter adoptiert, nachdem sich ihre eigene in ihrem Haus erhängt hat. Ansonsten gehe ich bei ihr Reiten.

Nun gibt es da eine Tendenz, die schon immer da war, die aber in letzter Zeit dermaßen schlimm geworden ist, dass ich leider ihre schützenden Arme fluchtartig verlassen muss. Um das zu verhindern, drängt sie mir Bücher auf, borgt sich Filme von mir, verborgt diese dann wieder, ohne mich zu fragen – alles nur, damit ich gezwungen bin, wiederzukommen. Besagtes Buch hat sie von einer ihrer anderen Reitschülerinnen geschenkt bekommen, die sich wohl auch Sorgen macht. Mittlerweile ist sie nämlich vor allem auf der Flucht – Rasenmähern, Heckenscheren, Menschen mit Hunden, Menschen mit Autos, bösen Menschen überhaupt, Kühen, anderen Pferden, und ganz schlimm: andere Reiter. Vielleicht denkt sie, die nehmen mich gleich mit… Natürlich projiziert sie diese Ängste auf andere, Schuld sind immer nur die anderen: die Pferde, ich, alle sind ängstlich, nur sie nicht. Dass ich so übermäßig ängstlich bin, war mir noch gar nicht aufgefallen. Aber man kann sich ja täuschen. Oder sich auch täuschen lassen, es gibt Leute, die können das gut.

Beim letzten Mal habe ich es tatsächlich gewagt, mein Pferd selbst zu satteln – sie hat fast einen Ohnmachtsanfall geprobt. Weil das Pferd es nicht leiden kann, wenn man den Sattelgurt festzieht. Genau wie jedes Pferd, das mögen die alle nicht besonders, wenn man ihnen mit mehr oder weniger Gewalt den Bauch zusammenschnürt. Aber weil die Gute dann ab und zu mal so tut, als wolle sie mich beißen – was sie nicht wirklich macht, aber man kann ja mal damit drohen, oder? – ist sie meist schon gesattelt, wenn ich komme. Wir reiten auch schon lange nicht mehr, wir gehen spazieren, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie mich am liebsten an die Hand nehmen will. Die Frage ist nur: wer soll da eigentlich wen führen?

Dieses Buch also hat sie geschenkt bekommen, gelesen – und musste es sofort wieder loswerden. Sie hat es dann Leuten geschenkt, von denen sie weiß, dass die das sowieso nie lesen werden. Denselben Leuten hat sie auch meinen Film geborgt – in dem Wissen, dass die den sowieso nie gucken werden. Einen Film mit dem Titel: „Eine bittere Wahrheit“ würden die sich niemals ansehen. Sie schon, sie sieht sich das an – und wird es dann ganz schnell wieder los. So schnell es nur irgend geht, und am besten an Leute, die diese Wahrheit in der untersten Schublade verstecken. Als sie mich dann gesehen hat, fiel ihr die Schublade offenbar wieder ein – und sie war der Meinung, ich müsse das unbedingt lesen, mir würde das gefallen.

Nun, komischerweise hat sie in letzter Zeit einen sehr merkwürdigen Geschmack entwickelt. Sie liest, wie die meisten alten Ossis, regelmäßig und ziemlich anspruchsvolle Sachen. Über ein Thema dürfen wir aber partout nicht reden, und das ist die DDR. Sie will darüber nichts negatives hören, während meine letzte Lektüre dahingehend ein Buch über Torgau war – starker Tobak, meine Herren. Deswegen haben wir uns natürlich prompt in die Wolle gekriegt, das ist ihr zuviel. Das ist ja alles gar nicht wahr, das ist feindliche Propaganda. Naja, das kann sie ja dann bei Gelegenheit mal den Kindern erzählen, die dort waren. Leider wird sie solche Gelegenheiten wie die Pest meiden.

Aber ansonsten ist sie eigentlich recht kritisch, und ich war schon etwas erstaunt, als sie mir plötzlich von… Mario Barth vorschwärmte. Ich dachte, ich fall vom Glauben ab. Dieser primitive Schlammschlachter? Das ist doch wohl nicht ihr Ernst? Am nächsten Wochenende war er das auch nicht mehr, da war Herr Barth plötzlich wieder das, was er nun mal ist: ein lächerlicher Gernegroß. Nun war es plötzlich Herr von und zu Hirschhausen, der sie begeisterte. Und von dessen geistigen Ergüssen sie mir auch gleich ein paar Kostproben gab. Nun ja, immerhin weiß ich nun, dass ich mir diesen Platzhirsch so gar nicht antun muss. Was für eine gequirlte Scheiße. Warum müssen die eigentlich alle ihren Senf zu Dingen ablassen, von denen sie so gar nichts verstehen? Kennen die das alte Sprichwort nicht: Schuster, bleib bei deinen Leisten? Wenn ein offensichtlich sehr praktisch, um nicht zu sagen phantasielos ausgerichteter Onkel Doktor plötzlich anfängt, sich mit Dingen zu befassen, die was mit Psychologie zu tun haben, wovon er – ebenfalls sehr offensichtlich – nun so gar nichts versteht, dann wird es unfreiwillig komisch. Zumindest für die, die davon was verstehen. Herr Hirschhausen findet sich natürlich unwiderstehlich. Das sieht man schon an seiner Kleiderordnung – einen schönen Menschen entstellt nichts. Und warum er mit dem Müll so viel Publikum begeistert, erklärt nun Herr Dr. Lütz…

Und um mit Herrn Lütz, der ja so gern kategorisiert, zu sprechen: die Kleiderordnung des Herrn von und zu würde ich doch glatt mal als normal blödsinnig bezeichnen. Eindeutig. Man beachte bloß mal diese Krawatten, Herr Bohlen muss doch entzückt sein. Und manche machen sich nun mal so gut lächerlich, wie sie nur können. Gibt ja schließlich gutes Geld dafür. Herrn Dr. Lütz‘ An- und Aufzug würde ich allerdings als wahnsinnig normal einstufen. Ja, doch, so sieht er aus. Zumindest habe ich diesen Eindruck – aber das kann ja täuschen. Doch hellblaues Hemdchen, beigefarbener Anzug und Paisleykrawatte – wenn das nicht Muttis Liebling ist, dann hab ich irgendwas grandios  falsch verstanden.

Was lange währt wird gut, wir sind endlich da, wo wir hinwollen: das Buch. „IRRE! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen.“ Herr Manfred Lütz lässt natürlich keinen Zweifel daran, dass er weder normal noch irre ist – er ist ja schließlich Irrenarzt, er darf in keine Kategorie gesteckt werden, er erfindet Kategorien. Manche nennen das auch Diagnosen, und das tut man nicht, man darf Leute nicht fröhlich diagnostizieren. Sagt Herr Dr. Lütz in seinem Buch. Was ihn aber nicht daran hindert, das ständig zu tun, er darf das. Und nachdem im Vorwort Herr von Hirschhausen ihm erstmal kräftig ans Bein pinkelt – man muss ja zeigen, wer hier der Herr von und zu ist – und er sich dafür im Vorspiel revanchiert… Mann, die denken doch wirklich, das merkt keiner. Für wie blöd halten die eigenlich den Rest der Welt?

Nun, für wie blöd Herr Lütz den Rest der Welt hält, das macht er in weit mehr als der ersten Hälfte seines Buches ja nun mehr als deutlich. Da löst ein intellektseliger Schenkelklopfer den anderen ab, man kommt ja kaum zum Luftholen vor lauter Lachen. Boah, endlich trifft es mal die Richtigen, diese blödsinnig Normalen und die wahnsinnig Normalen, all diese Idioten, die ja nun jedem ganz fürchterlich auf die Eier gehen – besonders dem Herrn Lütz. Wie der allerdings Begriffe wie „Normopath“ mit seinem ja aufgrund seines Theologiestudiums hoffentlich christlichen Weltbild der Nächstenliebe vereinbart…  Den Grund, warum er mit diesem Wort genauso ätzend und aggressiv um sich wirft wie ein waschechter Borderliner, liefert er uns auf den ferner-liefen-Seiten, wo er auch diese weitverbreitete Störung mal eben schnell auf zwei Seiten abhandelt, ganz hinten im Buch:

Und so gehen die Normalen mit dem Wort „Psychopath“ ausnehmend gehässig um.

Was ich selber denk und tu… Nun, wenn damals, als der Begriff aus der Psychiatrie in das „normale“ Leben durchgesickert ist, seine Herren Vorgänger genauso waren wie er, verbale Totschläger nämlich – was ich für keine gar so abwegige Annahme halte – dann wundert einen ja nun nichts mehr. Oder?

Ach ja, damals war’s… Lang, lang ist’s her, dass es sowas wie schlimme Nebenwirkungen bei Psychopharmaka gab – die schönen neuen sind ja viel besser. Und lang, lang ist’s her, dass man fröhlich fehldiagnostiziert und fehlbehandelt hat, weil man einfach so gar keine Ahnung hatte – in der schönen neuen Welt des Herrn Lütz ist alles einfach nur perfekt. Und üble Spielchen in der Psychiatrie, Betrafung durch Zwangsmedikamentierung, Elektroschocks, Liebesentzug, Freiheitsberaubung, Isolation… sowas gibt es nur in Hollywoodfilmen, irgendwo oder irgendwann anders, überall, nur nicht bei Herrn Dr. Chefarzt Lütz. Da drängt sich aber mir ganz stark der Eindruck auf, dass er da eine besonders schöne neue Welt zusammenbetet. Und einfach nicht sehen will, was um ihn herum passiert. Ich persönlich kenne keinen, wirklich keinen „Verrückten“ mit Psychiatrieerfahrung, der da nicht mehr oder minder schlimme Erfahrungen gemacht hat – und ich kenne viele, und zwar persönlich. Das System verleitet einfach zu sehr, diese Macht, die die Herren und Damen nun mal haben, dann auch fröhlich zu missbrauchen. Darüber täuscht auch das ach so salbungsvolle Verständnis des Herrn Lütz nicht hinweg. Im Gegenteil, ich frage mich dann schon sehr besorgt, was sich bei ihm dahinter verbirgt. Seit Gründung der Heiligen Kirche verbirgt sich hinter Salbungen immer etwas, und meist nichts Gutes.

Es fehlt in diesem Buch nämlich eine Kategorie völlig, die vermeidet er total: die des vollkommen Normalen – mit anderen Worten Gott. Und das dürfte Herr Lütz höchstpersönlich sein, der ist vollkommen normal. Allerdings sagt er das natürlich nicht laut, laut schimpft er immer nur auf die anderen. Normalen. Und versteckt sich hinter den Verrückten, die er ja in Schutz nehmen muss vor den bösen Normalen. Er ist natürlich der Gute, ja, ein Gutmensch will er sein. Einer, der sich hinter allem Möglichen versteckt, gern auch hinter den Namen von Größen wie Shazer und Watzlawik. Komisch ist nur, dass von dem Geist Shazers und Watzlawiks in seinem Buch so gar nichts zu finden ist. Der Geist, den ich da finde, der ist gar nicht schön anzusehen.

Den hatten wir nämlich schon mal, und die Tendenz geht in Deutschland, wie mir Herr Lütz so eindrucksvoll klargemacht hat, auch eindeutig wieder dahin: Niemand ist Schuld daran, dass Leute ver-rückt werden. Man kann Leute nicht ver-rückt machen, das ist völlig unmöglich – tja Herr Lütz, wollen Sie es mal ausprobieren? Ich weiß, wie man das macht, ich könnte da eine Lehrvorführung geben. Aber dazu sind Sie sicher zu feige.

Sie sagen es zwar nicht deutlich, alles, was Sie sagen, ist sehr nebulös. Konkret werden Sie da nie, aber das Bild, was Sie zeichnen, sieht nicht so viel anders aus als das, was der Nationalsozialismus gezeichnet hat – es ist nur etwas scheinheiliger formuliert: Alle Verrückten haben entweder einen Hirn- oder einen genetischen Schaden. Unwertes Leben, um es mal auf den Punkt zu bringen. Man hat das heute etwas erweitert: Entweder Herr Dr. Lütz kann das wegmachen, oder es ist ein Hirn- oder genetischer Schaden. Schuld ist auch in diesem Falle niemand. Niemand wirft dem Umfeld oder gar den nächsten Angehörigen irgend etwas vor, die sind alle vollkommen unschuldig am Zustand des oder der Ver-rückten. Und natürlich wirft auch den Verrückten niemand irgend etwas vor – außer, dass sie verrückt sind. Aus Sicht der Verrückten wirft man uns noch eine ganze Menge mehr vor, aber das ignorieren alle Arten von Normalen natürlich geflissentlich. Und einen Perspektivwechsel kriegt Herr Dr. Lütz ja nun so gar nicht hin, das ist leider ganz und gar offensichtlich. Traurig für einen, der das eigentlich gelernt haben sollte.

Und wenn Herr Dr. Lütz das nicht anders wegmachen kann, weil er dazu zu unwissend ist, weil die Bohlen im eigenen Auge zu dick sind, dann muss sich der Verückte damit abfinden, er muss es einsehen, dass er nun mal krank ist – das nennt sich Krankheitseinsicht, kann man bei Lütz nachlesen -, er ist verpflichtet, sich behandeln, sprich „das“ wegmachen zu lassen – mit den schönen neuen Psychopharmaka, versteht sich, die ja gar nicht mehr böse sind. Und bist du nicht willig… Naja, dass man in der Psychiatrie nun mal auch mit Gewalt Sachen wegmachen darf, das ist jedem Verrückten nur zu gut bekannt. Nur die Normalen wollen davon immer nichts hören, das klingt so brutal.

Und Gewichtszunahmen von 20 kg, Schlafbedürfnis von 12 Stunden und mehr, Ticks wie unkontrolliertes Muskelzucken im Gesicht… alles kein Problem, die sollen sich mal nicht so haben. Ich möchte mal Herrn Dr. Lütz sehen, wie ihm das gefallen würde, wenn ihn ständig Zuckungen überfallen würden, die er nicht verbergen kann. Das wäre doch mal ein Spaß, hahaha.

So, und nun werden wir mal – im Gegensatz zu Herrn Lütz – konkret. Auf weit mehr als der Hälfte des mit 185 Seiten verbaler Schlammschlacht ohnehin nicht dicken Buches – mehr können die schwachsinnigen Normalen, an die sich dieses Buch richtet, eh nicht fassen, nach der Auffassung von Herrn Lütz – beweihräuchert der Herr sich lediglich selbst. Das ist Kabarett vom unterirdischsten, ganz in der Manier des Herr Barth und der diversen Entblößer-Shows im Programm der Privatsender à la Bauer sucht Frau etc. pp. – Brüder im Geiste. Man sucht sich die Schwachen, die, die sich nicht wehren können – die blödsinnig Normalen und die wahnsinnig Normalen, also die Idioten – und kloppt da immer drauf. Alsdann verkauft man diesen Idioten auch noch das Buch, in dem man sich so herrlich über sie lustig macht – die sind ja so blöd, die kaufen das auch noch und merken nichts, denn niemand würde ja zugeben, dass er auch nicht besser ist, darauf kann sich Herr Lütz nun wirklich verlassen. Allerdings traut er seiner eigenen Schlauheit nicht ganz, denn ganz am Ende des Buches sagt er es auch noch laut – für alle, die so blöd sind, dass sie es noch nicht kapiert haben: er will ja niemanden persönlich ansprechen oder gar angreifen, Gott bewahre. Er schlachtet zwar ein ganzes Buch lang – nein, keine heiligen Kühe, bloß die Normalen. Aber er persönlich kennt ja nun niemanden, den die Beschreibung trifft. Für wie blöd hält der uns eigentlich? Ähm, das sagte er ja bereits.

Sein Buch erfüllt nicht nur den Tatbestand des verbalen Totschlags. Nein, es ist zu allem Überfluss alles nur geklaut. Nämlich von seinen Patienten, von denen hat er das alles gelernt. Nur leider sind seine blöden Witzchen nicht sonderlich originell, jeder Maniker kann das besser. Denn leider ist er so blöd, dass er niemals auf die Idee kommen würde, dass seine Patienten ihn nur verarschen. Der Herr Dr. Chefarzt in seinem Elfenbeinturm der salbungsvollen Scheinheiligkeit und der dummen Witzchen hat es wirklich fertiggebracht, in seiner 30jährigen Tätigkeit in der Psychiatrie nun wirklich so gar nichts zu kapieren. Ganz peinlich wird es nämlich, wenn er am Ende mit Paradies und Himmel und philosophischen Ergüssen anfängt. Das sollte er doch lieber den Schizophrenen überlassen, die wissen wenigstens, wovon sie reden.

Als ob ein Verrückter, der seinen Namen verdient, sich von so einem geistigen Tiefflieger und ewig Gestrigen, der sich bloß hinter großen Namen versteckt, aufs Kreuz legen lassen würde. Wir sind ja nun berühmt-berüchtigt dafür, dass wir die Spielchen der Normalen sofort durchschauen. Und in der Krise einfach nicht mitspielen, wofür wir dann weggesperrt werden – und in der Klinik, wo wir uns ja dann unter der wohlwollenden Obhut der Herren Doktoren befinden, die sich so oberschlau dünken, finden wir wieder zu unseren Stärken, wie der Herr Dr. ganz richtig erkannt hat. Das ist so lustig da in den Kliniken, dass manche da gar nicht mehr rauswollen. Man kriegt das Essen serviert, muss nicht arbeiten, kann tun und lassen, was man will und wird den ganzen Tag bespaßt, das ist da ja besser als Kino. Ist doch ein nettes Leben, oder?

Und das bedeutet: Wer zuletzt lacht, lacht am Besten.

Ein Chefarzt und Dr. der Psychologie, der alles Negative immer nur auf andere projiziert, der einen theologischen Hintergrund hat und sich am liebsten auf einer Kabarettbühne auslachen lässt – ein Narr, wer Böses dabei denkt. Ich zumindest kann sowas unmöglich ernst nehmen. Und finde es für Deutschland ausgesprochen bezeichnend, wenn sowas auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste landet. Für alle Betroffenen ist diese Tatsache allerdings gar nicht zum Lachen.

Ständig werden in diesem Buch Patienten vorgeführt. In Hörsälen, Behandlungszimmern – das ganze Buch ist eine einzige Vorführung. Man lacht fröhlich über die ach so lustigen Späßchen der armen Irren. Und erst über die Bundeswehr, Mann, wie die sich wieder zum Klops gemacht haben, lustig trallala. Da betteln 500 schwerbewaffnete Jungs darum, dass das entlaufene Opfer der Psychiatrie doch bitte wieder dorthin verbracht wird – schon diese Formulierung, köstlich, das ist doch wieder einer dieser Witze, die Herr Dr. Lütz so gern zelebriert. Und Herr Dr. Lütz lässt es sich natürlich nicht nehmen, die kleinste und zarteste Schwesternschülerin zu schicken. Ich frage mich, wie lustig das eigentlich die kleine zarte Schwesternschülerin fand. Die ist zwar noch nicht fertig ausgebildet, dürfte aber wissen, dass ein falsches Wort, eine falsche Bewegung einen gebrochenen Arm bedeuten kann – entlaufene Irre sind gefährlich, das weiß doch jedes Kind, deshalb weden sie normalerweise mit der Hab-mich-lieb-Jacke geholt. Nur der Herr Chefarzt tut so, als wüsste er das nicht. Und die Schülerin dürfte auch wissen, dass eine Weigerung ihr berufliches Aus bedeuten würde – man widerspricht dem vollkommen normalen Chefarzt Dr. Lück nicht ungestraft, nehme ich stark an. Also tut man, was der Herr im Psychiatriehimmel befiehlt – er kann das auch in seinem üblichen salbungsvollen Ton tun, das ist egal.

Ist Bigotterie eigentlich auch bei Psychologen eine anerkannte Berufskrankheit? Wie praktisch, dass der Herr ja auch gleich noch Theologe ist, denn bei jedweder moralisch fragwürdigen Aktion, die er im Buch schildert, erteilt er sich sofort selbst Absolution. Auch den lieben Kollegen gegenüber ist er da durchaus großzügig. Die haben ihm ja auch im Gegenzug gleich zum Auftakt des Buches bestätigt, dass es alles enthält, was man schon immer über die Psychologie wissen wollte – nun ja, das kann man so sagen. Ich habe genug gelesen, das dünne Machwerk spricht wirklich Bände.

Wie ist es eigentlich möglich, dass ein Mensch, der bundesweit ein so menschenverachtendes Weltbild propagiert, auf die armen Irren losgelassen wird? Noch dazu als Chefarzt? Mich wundert jedenfalls nicht mehr, dass ich so oft das Gefühl habe, dass die deutsche Psychologenschaft deutlich kränker ist als die, die sie behandeln. Wenn das die Anführer sind…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: