Lang, lang ist’s her…

… dass sich hier etwas ereignet hat. Das liegt unter anderem daran, dass alles, was sich in letzter Zeit ereignet hat, definitiv nicht öffentlichkeitstauglich ist. Und ansonsten sehr kräftezehrend war. Langsam normalisiert sich die allgemeine Großwetterlage aber wieder, also wird es – und wenn es nur ab und zu ist – hier wieder Futter geben.

Fangen wir erstmal ganz harmlos an: ein Buch. Pisa lernt lesen oder so.

Manchmal nehmen Bücher ja ganz seltsame Wege, und dieser war besonders lustig. Ich habe es von einer Frau, die wohl der Meinung war, ich würde dieses Buch dringend benötigen. Wir haben seit Jahren eine ziemlich seltsame Beziehung, die man in einem Satz so umreißen kann: sie hat mich als Ersatztochter adoptiert, nachdem sich ihre eigene in ihrem Haus erhängt hat. Ansonsten gehe ich bei ihr Reiten.

Nun gibt es da eine Tendenz, die schon immer da war, die aber in letzter Zeit dermaßen schlimm geworden ist, dass ich leider ihre schützenden Arme fluchtartig verlassen muss. Um das zu verhindern, drängt sie mir Bücher auf, borgt sich Filme von mir, verborgt diese dann wieder, ohne mich zu fragen – alles nur, damit ich gezwungen bin, wiederzukommen. Besagtes Buch hat sie von einer ihrer anderen Reitschülerinnen geschenkt bekommen, die sich wohl auch Sorgen macht. Mittlerweile ist sie nämlich vor allem auf der Flucht – Rasenmähern, Heckenscheren, Menschen mit Hunden, Menschen mit Autos, bösen Menschen überhaupt, Kühen, anderen Pferden, und ganz schlimm: andere Reiter. Vielleicht denkt sie, die nehmen mich gleich mit… Natürlich projiziert sie diese Ängste auf andere, Schuld sind immer nur die anderen: die Pferde, ich, alle sind ängstlich, nur sie nicht. Dass ich so übermäßig ängstlich bin, war mir noch gar nicht aufgefallen. Aber man kann sich ja täuschen. Oder sich auch täuschen lassen, es gibt Leute, die können das gut.

Beim letzten Mal habe ich es tatsächlich gewagt, mein Pferd selbst zu satteln – sie hat fast einen Ohnmachtsanfall geprobt. Weil das Pferd es nicht leiden kann, wenn man den Sattelgurt festzieht. Genau wie jedes Pferd, das mögen die alle nicht besonders, wenn man ihnen mit mehr oder weniger Gewalt den Bauch zusammenschnürt. Aber weil die Gute dann ab und zu mal so tut, als wolle sie mich beißen – was sie nicht wirklich macht, aber man kann ja mal damit drohen, oder? – ist sie meist schon gesattelt, wenn ich komme. Wir reiten auch schon lange nicht mehr, wir gehen spazieren, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie mich am liebsten an die Hand nehmen will. Die Frage ist nur: wer soll da eigentlich wen führen?

Dieses Buch also hat sie geschenkt bekommen, gelesen – und musste es sofort wieder loswerden. Sie hat es dann Leuten geschenkt, von denen sie weiß, dass die das sowieso nie lesen werden. Denselben Leuten hat sie auch meinen Film geborgt – in dem Wissen, dass die den sowieso nie gucken werden. Einen Film mit dem Titel: „Eine bittere Wahrheit“ würden die sich niemals ansehen. Sie schon, sie sieht sich das an – und wird es dann ganz schnell wieder los. So schnell es nur irgend geht, und am besten an Leute, die diese Wahrheit in der untersten Schublade verstecken. Als sie mich dann gesehen hat, fiel ihr die Schublade offenbar wieder ein – und sie war der Meinung, ich müsse das unbedingt lesen, mir würde das gefallen.

Nun, komischerweise hat sie in letzter Zeit einen sehr merkwürdigen Geschmack entwickelt. Sie liest, wie die meisten alten Ossis, regelmäßig und ziemlich anspruchsvolle Sachen. Über ein Thema dürfen wir aber partout nicht reden, und das ist die DDR. Sie will darüber nichts negatives hören, während meine letzte Lektüre dahingehend ein Buch über Torgau war – starker Tobak, meine Herren. Deswegen haben wir uns natürlich prompt in die Wolle gekriegt, das ist ihr zuviel. Das ist ja alles gar nicht wahr, das ist feindliche Propaganda. Naja, das kann sie ja dann bei Gelegenheit mal den Kindern erzählen, die dort waren. Leider wird sie solche Gelegenheiten wie die Pest meiden.

Aber ansonsten ist sie eigentlich recht kritisch, und ich war schon etwas erstaunt, als sie mir plötzlich von… Mario Barth vorschwärmte. Ich dachte, ich fall vom Glauben ab. Dieser primitive Schlammschlachter? Das ist doch wohl nicht ihr Ernst? Am nächsten Wochenende war er das auch nicht mehr, da war Herr Barth plötzlich wieder das, was er nun mal ist: ein lächerlicher Gernegroß. Nun war es plötzlich Herr von und zu Hirschhausen, der sie begeisterte. Und von dessen geistigen Ergüssen sie mir auch gleich ein paar Kostproben gab. Nun ja, immerhin weiß ich nun, dass ich mir diesen Platzhirsch so gar nicht antun muss. Was für eine gequirlte Scheiße. Warum müssen die eigentlich alle ihren Senf zu Dingen ablassen, von denen sie so gar nichts verstehen? Kennen die das alte Sprichwort nicht: Schuster, bleib bei deinen Leisten? Wenn ein offensichtlich sehr praktisch, um nicht zu sagen phantasielos ausgerichteter Onkel Doktor plötzlich anfängt, sich mit Dingen zu befassen, die was mit Psychologie zu tun haben, wovon er – ebenfalls sehr offensichtlich – nun so gar nichts versteht, dann wird es unfreiwillig komisch. Zumindest für die, die davon was verstehen. Herr Hirschhausen findet sich natürlich unwiderstehlich. Das sieht man schon an seiner Kleiderordnung – einen schönen Menschen entstellt nichts. Und warum er mit dem Müll so viel Publikum begeistert, erklärt nun Herr Dr. Lütz…

Und um mit Herrn Lütz, der ja so gern kategorisiert, zu sprechen: die Kleiderordnung des Herrn von und zu würde ich doch glatt mal als normal blödsinnig bezeichnen. Eindeutig. Man beachte bloß mal diese Krawatten, Herr Bohlen muss doch entzückt sein. Und manche machen sich nun mal so gut lächerlich, wie sie nur können. Gibt ja schließlich gutes Geld dafür. Herrn Dr. Lütz‘ An- und Aufzug würde ich allerdings als wahnsinnig normal einstufen. Ja, doch, so sieht er aus. Zumindest habe ich diesen Eindruck – aber das kann ja täuschen. Doch hellblaues Hemdchen, beigefarbener Anzug und Paisleykrawatte – wenn das nicht Muttis Liebling ist, dann hab ich irgendwas grandios  falsch verstanden.

Was lange währt wird gut, wir sind endlich da, wo wir hinwollen: das Buch. „IRRE! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen.“ Herr Manfred Lütz lässt natürlich keinen Zweifel daran, dass er weder normal noch irre ist – er ist ja schließlich Irrenarzt, er darf in keine Kategorie gesteckt werden, er erfindet Kategorien. Manche nennen das auch Diagnosen, und das tut man nicht, man darf Leute nicht fröhlich diagnostizieren. Sagt Herr Dr. Lütz in seinem Buch. Was ihn aber nicht daran hindert, das ständig zu tun, er darf das. Und nachdem im Vorwort Herr von Hirschhausen ihm erstmal kräftig ans Bein pinkelt – man muss ja zeigen, wer hier der Herr von und zu ist – und er sich dafür im Vorspiel revanchiert… Mann, die denken doch wirklich, das merkt keiner. Für wie blöd halten die eigenlich den Rest der Welt?

Nun, für wie blöd Herr Lütz den Rest der Welt hält, das macht er in weit mehr als der ersten Hälfte seines Buches ja nun mehr als deutlich. Da löst ein intellektseliger Schenkelklopfer den anderen ab, man kommt ja kaum zum Luftholen vor lauter Lachen. Boah, endlich trifft es mal die Richtigen, diese blödsinnig Normalen und die wahnsinnig Normalen, all diese Idioten, die ja nun jedem ganz fürchterlich auf die Eier gehen – besonders dem Herrn Lütz. Wie der allerdings Begriffe wie „Normopath“ mit seinem ja aufgrund seines Theologiestudiums hoffentlich christlichen Weltbild der Nächstenliebe vereinbart…  Den Grund, warum er mit diesem Wort genauso ätzend und aggressiv um sich wirft wie ein waschechter Borderliner, liefert er uns auf den ferner-liefen-Seiten, wo er auch diese weitverbreitete Störung mal eben schnell auf zwei Seiten abhandelt, ganz hinten im Buch:

Und so gehen die Normalen mit dem Wort „Psychopath“ ausnehmend gehässig um.

Was ich selber denk und tu… Nun, wenn damals, als der Begriff aus der Psychiatrie in das „normale“ Leben durchgesickert ist, seine Herren Vorgänger genauso waren wie er, verbale Totschläger nämlich – was ich für keine gar so abwegige Annahme halte – dann wundert einen ja nun nichts mehr. Oder?

Ach ja, damals war’s… Lang, lang ist’s her, dass es sowas wie schlimme Nebenwirkungen bei Psychopharmaka gab – die schönen neuen sind ja viel besser. Und lang, lang ist’s her, dass man fröhlich fehldiagnostiziert und fehlbehandelt hat, weil man einfach so gar keine Ahnung hatte – in der schönen neuen Welt des Herrn Lütz ist alles einfach nur perfekt. Und üble Spielchen in der Psychiatrie, Betrafung durch Zwangsmedikamentierung, Elektroschocks, Liebesentzug, Freiheitsberaubung, Isolation… sowas gibt es nur in Hollywoodfilmen, irgendwo oder irgendwann anders, überall, nur nicht bei Herrn Dr. Chefarzt Lütz. Da drängt sich aber mir ganz stark der Eindruck auf, dass er da eine besonders schöne neue Welt zusammenbetet. Und einfach nicht sehen will, was um ihn herum passiert. Ich persönlich kenne keinen, wirklich keinen „Verrückten“ mit Psychiatrieerfahrung, der da nicht mehr oder minder schlimme Erfahrungen gemacht hat – und ich kenne viele, und zwar persönlich. Das System verleitet einfach zu sehr, diese Macht, die die Herren und Damen nun mal haben, dann auch fröhlich zu missbrauchen. Darüber täuscht auch das ach so salbungsvolle Verständnis des Herrn Lütz nicht hinweg. Im Gegenteil, ich frage mich dann schon sehr besorgt, was sich bei ihm dahinter verbirgt. Seit Gründung der Heiligen Kirche verbirgt sich hinter Salbungen immer etwas, und meist nichts Gutes.

Es fehlt in diesem Buch nämlich eine Kategorie völlig, die vermeidet er total: die des vollkommen Normalen – mit anderen Worten Gott. Und das dürfte Herr Lütz höchstpersönlich sein, der ist vollkommen normal. Allerdings sagt er das natürlich nicht laut, laut schimpft er immer nur auf die anderen. Normalen. Und versteckt sich hinter den Verrückten, die er ja in Schutz nehmen muss vor den bösen Normalen. Er ist natürlich der Gute, ja, ein Gutmensch will er sein. Einer, der sich hinter allem Möglichen versteckt, gern auch hinter den Namen von Größen wie Shazer und Watzlawik. Komisch ist nur, dass von dem Geist Shazers und Watzlawiks in seinem Buch so gar nichts zu finden ist. Der Geist, den ich da finde, der ist gar nicht schön anzusehen.

Den hatten wir nämlich schon mal, und die Tendenz geht in Deutschland, wie mir Herr Lütz so eindrucksvoll klargemacht hat, auch eindeutig wieder dahin: Niemand ist Schuld daran, dass Leute ver-rückt werden. Man kann Leute nicht ver-rückt machen, das ist völlig unmöglich – tja Herr Lütz, wollen Sie es mal ausprobieren? Ich weiß, wie man das macht, ich könnte da eine Lehrvorführung geben. Aber dazu sind Sie sicher zu feige.

Sie sagen es zwar nicht deutlich, alles, was Sie sagen, ist sehr nebulös. Konkret werden Sie da nie, aber das Bild, was Sie zeichnen, sieht nicht so viel anders aus als das, was der Nationalsozialismus gezeichnet hat – es ist nur etwas scheinheiliger formuliert: Alle Verrückten haben entweder einen Hirn- oder einen genetischen Schaden. Unwertes Leben, um es mal auf den Punkt zu bringen. Man hat das heute etwas erweitert: Entweder Herr Dr. Lütz kann das wegmachen, oder es ist ein Hirn- oder genetischer Schaden. Schuld ist auch in diesem Falle niemand. Niemand wirft dem Umfeld oder gar den nächsten Angehörigen irgend etwas vor, die sind alle vollkommen unschuldig am Zustand des oder der Ver-rückten. Und natürlich wirft auch den Verrückten niemand irgend etwas vor – außer, dass sie verrückt sind. Aus Sicht der Verrückten wirft man uns noch eine ganze Menge mehr vor, aber das ignorieren alle Arten von Normalen natürlich geflissentlich. Und einen Perspektivwechsel kriegt Herr Dr. Lütz ja nun so gar nicht hin, das ist leider ganz und gar offensichtlich. Traurig für einen, der das eigentlich gelernt haben sollte.

Und wenn Herr Dr. Lütz das nicht anders wegmachen kann, weil er dazu zu unwissend ist, weil die Bohlen im eigenen Auge zu dick sind, dann muss sich der Verückte damit abfinden, er muss es einsehen, dass er nun mal krank ist – das nennt sich Krankheitseinsicht, kann man bei Lütz nachlesen -, er ist verpflichtet, sich behandeln, sprich „das“ wegmachen zu lassen – mit den schönen neuen Psychopharmaka, versteht sich, die ja gar nicht mehr böse sind. Und bist du nicht willig… Naja, dass man in der Psychiatrie nun mal auch mit Gewalt Sachen wegmachen darf, das ist jedem Verrückten nur zu gut bekannt. Nur die Normalen wollen davon immer nichts hören, das klingt so brutal.

Und Gewichtszunahmen von 20 kg, Schlafbedürfnis von 12 Stunden und mehr, Ticks wie unkontrolliertes Muskelzucken im Gesicht… alles kein Problem, die sollen sich mal nicht so haben. Ich möchte mal Herrn Dr. Lütz sehen, wie ihm das gefallen würde, wenn ihn ständig Zuckungen überfallen würden, die er nicht verbergen kann. Das wäre doch mal ein Spaß, hahaha.

So, und nun werden wir mal – im Gegensatz zu Herrn Lütz – konkret. Auf weit mehr als der Hälfte des mit 185 Seiten verbaler Schlammschlacht ohnehin nicht dicken Buches – mehr können die schwachsinnigen Normalen, an die sich dieses Buch richtet, eh nicht fassen, nach der Auffassung von Herrn Lütz – beweihräuchert der Herr sich lediglich selbst. Das ist Kabarett vom unterirdischsten, ganz in der Manier des Herr Barth und der diversen Entblößer-Shows im Programm der Privatsender à la Bauer sucht Frau etc. pp. – Brüder im Geiste. Man sucht sich die Schwachen, die, die sich nicht wehren können – die blödsinnig Normalen und die wahnsinnig Normalen, also die Idioten – und kloppt da immer drauf. Alsdann verkauft man diesen Idioten auch noch das Buch, in dem man sich so herrlich über sie lustig macht – die sind ja so blöd, die kaufen das auch noch und merken nichts, denn niemand würde ja zugeben, dass er auch nicht besser ist, darauf kann sich Herr Lütz nun wirklich verlassen. Allerdings traut er seiner eigenen Schlauheit nicht ganz, denn ganz am Ende des Buches sagt er es auch noch laut – für alle, die so blöd sind, dass sie es noch nicht kapiert haben: er will ja niemanden persönlich ansprechen oder gar angreifen, Gott bewahre. Er schlachtet zwar ein ganzes Buch lang – nein, keine heiligen Kühe, bloß die Normalen. Aber er persönlich kennt ja nun niemanden, den die Beschreibung trifft. Für wie blöd hält der uns eigentlich? Ähm, das sagte er ja bereits.

Sein Buch erfüllt nicht nur den Tatbestand des verbalen Totschlags. Nein, es ist zu allem Überfluss alles nur geklaut. Nämlich von seinen Patienten, von denen hat er das alles gelernt. Nur leider sind seine blöden Witzchen nicht sonderlich originell, jeder Maniker kann das besser. Denn leider ist er so blöd, dass er niemals auf die Idee kommen würde, dass seine Patienten ihn nur verarschen. Der Herr Dr. Chefarzt in seinem Elfenbeinturm der salbungsvollen Scheinheiligkeit und der dummen Witzchen hat es wirklich fertiggebracht, in seiner 30jährigen Tätigkeit in der Psychiatrie nun wirklich so gar nichts zu kapieren. Ganz peinlich wird es nämlich, wenn er am Ende mit Paradies und Himmel und philosophischen Ergüssen anfängt. Das sollte er doch lieber den Schizophrenen überlassen, die wissen wenigstens, wovon sie reden.

Als ob ein Verrückter, der seinen Namen verdient, sich von so einem geistigen Tiefflieger und ewig Gestrigen, der sich bloß hinter großen Namen versteckt, aufs Kreuz legen lassen würde. Wir sind ja nun berühmt-berüchtigt dafür, dass wir die Spielchen der Normalen sofort durchschauen. Und in der Krise einfach nicht mitspielen, wofür wir dann weggesperrt werden – und in der Klinik, wo wir uns ja dann unter der wohlwollenden Obhut der Herren Doktoren befinden, die sich so oberschlau dünken, finden wir wieder zu unseren Stärken, wie der Herr Dr. ganz richtig erkannt hat. Das ist so lustig da in den Kliniken, dass manche da gar nicht mehr rauswollen. Man kriegt das Essen serviert, muss nicht arbeiten, kann tun und lassen, was man will und wird den ganzen Tag bespaßt, das ist da ja besser als Kino. Ist doch ein nettes Leben, oder?

Und das bedeutet: Wer zuletzt lacht, lacht am Besten.

Ein Chefarzt und Dr. der Psychologie, der alles Negative immer nur auf andere projiziert, der einen theologischen Hintergrund hat und sich am liebsten auf einer Kabarettbühne auslachen lässt – ein Narr, wer Böses dabei denkt. Ich zumindest kann sowas unmöglich ernst nehmen. Und finde es für Deutschland ausgesprochen bezeichnend, wenn sowas auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste landet. Für alle Betroffenen ist diese Tatsache allerdings gar nicht zum Lachen.

Ständig werden in diesem Buch Patienten vorgeführt. In Hörsälen, Behandlungszimmern – das ganze Buch ist eine einzige Vorführung. Man lacht fröhlich über die ach so lustigen Späßchen der armen Irren. Und erst über die Bundeswehr, Mann, wie die sich wieder zum Klops gemacht haben, lustig trallala. Da betteln 500 schwerbewaffnete Jungs darum, dass das entlaufene Opfer der Psychiatrie doch bitte wieder dorthin verbracht wird – schon diese Formulierung, köstlich, das ist doch wieder einer dieser Witze, die Herr Dr. Lütz so gern zelebriert. Und Herr Dr. Lütz lässt es sich natürlich nicht nehmen, die kleinste und zarteste Schwesternschülerin zu schicken. Ich frage mich, wie lustig das eigentlich die kleine zarte Schwesternschülerin fand. Die ist zwar noch nicht fertig ausgebildet, dürfte aber wissen, dass ein falsches Wort, eine falsche Bewegung einen gebrochenen Arm bedeuten kann – entlaufene Irre sind gefährlich, das weiß doch jedes Kind, deshalb weden sie normalerweise mit der Hab-mich-lieb-Jacke geholt. Nur der Herr Chefarzt tut so, als wüsste er das nicht. Und die Schülerin dürfte auch wissen, dass eine Weigerung ihr berufliches Aus bedeuten würde – man widerspricht dem vollkommen normalen Chefarzt Dr. Lück nicht ungestraft, nehme ich stark an. Also tut man, was der Herr im Psychiatriehimmel befiehlt – er kann das auch in seinem üblichen salbungsvollen Ton tun, das ist egal.

Ist Bigotterie eigentlich auch bei Psychologen eine anerkannte Berufskrankheit? Wie praktisch, dass der Herr ja auch gleich noch Theologe ist, denn bei jedweder moralisch fragwürdigen Aktion, die er im Buch schildert, erteilt er sich sofort selbst Absolution. Auch den lieben Kollegen gegenüber ist er da durchaus großzügig. Die haben ihm ja auch im Gegenzug gleich zum Auftakt des Buches bestätigt, dass es alles enthält, was man schon immer über die Psychologie wissen wollte – nun ja, das kann man so sagen. Ich habe genug gelesen, das dünne Machwerk spricht wirklich Bände.

Wie ist es eigentlich möglich, dass ein Mensch, der bundesweit ein so menschenverachtendes Weltbild propagiert, auf die armen Irren losgelassen wird? Noch dazu als Chefarzt? Mich wundert jedenfalls nicht mehr, dass ich so oft das Gefühl habe, dass die deutsche Psychologenschaft deutlich kränker ist als die, die sie behandeln. Wenn das die Anführer sind…

Federico

Federico: Roman: Ein Roman über Friedrich II. und seine Zeit (Taschenbuch)

von Waldtraut Lewin (Autor)

Und wenn ich mir das Cover so ansehe… Wie kann man so ein Buch so lieblos hinrotzen? Das sieht aus wie für den Grabbeltisch produziert… Wenn man Bücher nicht verkaufen, sondern verramschen will, dann sieht das so aus. Ich finde, das ist Leichenfledderei.

Aber die Stimmen sagen ja auch alles. (Quelle Amazon.de)

Der Verlag über das Buch

»Wie Macht unmoralisch macht, wie eine Folge von Mordbrennereien Geschichte macht – hier ist man live und mitleidend dabei.« Ellen Pomikalko im ›Buchmarkt‹

»Eine faszinierende Lektüre.« Audimax

»Federicos Bild leuchtet beherrschend durch der Zeiten Dunkel. Die Leuchtkraft solcher Art zu schreiben ist vielleicht das Eigentliche des Buches, es ist so unterhaltend wie gediegen. […] Ein großer Stoff, erzählt mit großem Atem.« Henryk Goldberg in der ›Jungen Welt‹ — Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

In der „Jungen Welt“ durfte man offenbar von dem Buch noch begeistert sein – und die DDR-Führung war ganz sicher nicht begeistert von Truda, der Botin. Der „Buchmarkt“ sieht da schon bedeutend schwärzer, der unmoralische Mordbrenner mit jeder Menge Selbstmitleid, der so gerne live dabei wäre – und doch immer das Beste verpasst, weil er nicht weiß, wo die Musik spielt.

Was ich selber denk und tu… Ich finde solche Aussagen ja wie immer sehr erhellend.

<Rezensionen bei Amazon>

Weil es immer etwas nervt, wenn man erst klicken muss, kopiere ich mal die aussagekräftigsten.

1.0 von 5 Sternen Entäuschent, 29. Januar 2004
Von „blondchen87“Alle meine Rezensionen ansehen
Diese Rezension stammt von: Federico. (Taschenbuch)

Nachdem ich den Text auf der Rückseite des Buches gelesen hatte, war ich gespannt, was mich erwarten würde. Ich wurde maßlos entäuscht. An sich ist es ein interessanter Stoff, den das Buch beschreibt, aber wie das Buch geschrieben ist, ist absolut sch… Schon der Anfang ist schwer zu verstehen, denn das Buch fängt im Wohnwagen einer Frau im 19. Jahrhundert an und man versteht erst mal gar nicht worum es gersde überhaupt geht. Auch wird das Buch aus verschiedenen Sichten erzählt, wobei manche Personen die Situation anders darstellen.

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Zu viel Nebel, 29. Dezember 2007
Von BeatriceAlle meine Rezensionen ansehen

Ich tue mir schwer mit einem endgültigen Urteil. Nachdem ich den 640-Seiten-Wälzer zum zweiten Mal gelesen habe, bin ich noch immer unentschieden: etwas an diesem Buch passt einfach nicht.

Worum geht es: die Kindheit Friedrichs II. in den Straßen und Gassen von Palermo, der Kampf um die Anerkennung als König von Sizilien, die erste (glückliche) Ehe als Vierzehnjähriger mit der zehn Jahre älteren Konstanze von Aragon, die weiteren (mehr oder weniger glücklichen) Ehen, die deutsche Kaiserkrone, Kämpfe mit Papst und den weltlichen Gegnern, schließlich das Ende: Aufstieg, Zenit und Niedergang eines bedeutenden Herrschers.

Die Rahmenhandlung, leider: Truda als Erzählerin, wissend und wandernd zwischen Oberwelt und Unterwelt. Zu sehr im Vordergrund: wer gerade über Friedrich II. lesen will, empfindet ihre Rede als langatmig. Zu sehr im Ungefähren: was sie uns erzählen will, kommt nicht deutlich rüber.
Ein Beispiel, S. 282: Ich habe das Beben der Erde vergessen über der heiteren Stille dieser Septembertage. Nun ereilt es mich. Es geht nicht so weiter, ich habe schon die ganze Zeit gewußt, daß es so nicht weitergehen kann. Ich muß auf Pietros Dienst verzichten für den Rest des Wegs.“
Das ist wunderschön geschrieben, aber was damit gesagt werden soll, bleibt nebulös.

Die Handlung als solche: ein bißchen abgehackt, ein bißchen episodenhaft. Manchmal zu aufgelöst der historische Zusammenhang. Die Erzählerin als zeitloses Wesen setzt andere Prioritäten als Schilderung von Ereignissen in ihrer zeitlichen Abfolge. Ursache und Wirkung verschwimmen im nicht Nachvollziehbaren. Ein richtiges Ende der Geschichte: unterschlägt sie uns.

Trotzdem: historisch gut recherchiert, ein moderner, fast schwebender Erzählstil, der – außer in der Truda-Rahmenhandlung – keine Langeweile aufkommen lässt.

Aber etwas schärfere Konturen, etwas weniger diffuser Verschwommenheit, beides hätte dem Buch gut getan.

5.0 von 5 Sternen interessantes Friedrich II-Bild, 6. November 1998
Von Ein Kunde
Diese Rezension stammt von: Federico. (Broschiert)

Ich habe sehr viele Biographien über Friedrich II gelesen, und auch alle Romane, die ich über ihn finden konnte. Lewins Friedrich II gefällt mir von allen am besten. Zweifellos ist es der irrealste unter den ihn betreffenden Romanen, und doch liefert es ein Bild von ihm, das mir persönlich als das Wahrscheinlichste erscheint. Auch Lewins Stil ist mehr als ansprechend. Ein großartiges Buch.

</Rezensionen Ende>

Scheinbar haben die mit der positiven Meinung über das Buch alle ein Problem damit, sich zu outen, denn im Gegensatz zu „Blondchen“ heißen die alle Kunde. 😉 Was uns der Dichter damit wohl sagen will?

Ich persönlich bin natürlich ganz und gar nicht unentschieden, und ich denke schon, dass ich verstanden hab, was die Dichterin uns damit sagen will. Und ich finde auch nicht, dass sie irgendwelche Probleme mit den Kausalitätszusammenhängen hat. Ich finde eher, das Ganze macht eine ganze Menge Sinn. Ein bisschen zuviel Sinn für manche, wie es scheint. Aber nur, weil man etwas nicht nachvollziehen kann, heißt das ja noch lange nicht, dass es nicht doch einen Sinn ergibt. Oder sehe ich da was falsch?

The high cost of living

Auf Anregung einer einzelnen Dame, und weil ich ja immer gern jede Ausrede benutze, um über Neil Gaiman herzuziehen, muss ich ja jetzt auch mal meinen Senf dazugeben. Zu Coraline, dem Sternenwanderer – und ihrem Schöpfer.

Weil ich unbedingt mal wieder einkaufen muss, aber das Einkaufen in letzter Zeit etwas frustrierend für mich ist, hab ich leider viel zu wenige Bücher von Onkel Neil. Außerdem sind das meist Comics, und die sind nun mal ziemlich teuer. Und das können wir uns leider nicht leisten. Aber die beiden Death-Bücher müssen wohl demnächst sein, und Amazon beliefert mich auch. Sogar ohne dumme Nachfragen.

Ich hab da immer alle Rechnungen bezahlt, warum sollten die mich jetzt plötzlich nicht mehr beliefern? Die sind ja nun nicht blöd. Sind ja auch Amis. Aus Seattle. Was ja nun sowieso die Stadt mit dem Coolnessfaktor überhaupt ist. Die haben es wirklich fertiggebracht, dem Rest der Welt weiszumachen, dass es da immer regnet. Aber jedesmal, wenn ich dort bin, und das war nun schon dreimal, schien immer die Sonne. Ich bin mir nur noch nicht sicher, wie ich das verstehen soll. Bin ich nun schuld daran, dass die Sonne scheint, oder verarschen die die ganze Welt mit ihrem Regenzauber? 🙂

Aber ich war ja ganz woanders, beim Sandman nämlich. Den hat mir mein Ex-Lover vermacht, der war nämlich aus New York und hat einen Bachelor of Arts. Als Cartoonist. Also kennt der natürlich auch die ganze Comic-Szene, einige auch persönlich. Gaiman gehört aber leider nicht dazu, den verehrt er auch nur aus der Ferne. Und er war ganz begeistert, dass ich so begeistert von dem war. Klar, der Sandman ist ein klassisches Männer-Alter-Ego. Gegen den ist Jim Morrison ein armer Waisenknabe. Morpheus ist ja nun der wahre Fürst der Finsternis. Alles andere sind nur billige Kopien. Und sehen dagegen wirklich ziemlich blass aus.

Der Sandman sieht natürlich auch blass aus, der hat das ja erfunden. Der sieht immer genauso aus, wie man sich einen Fürsten der Finsternis vorstellt: käseweiß im Gesicht, schwarze Klamotten, schwarze Haare, gern auch etwas länger, und in der Regel mit einem weiten Walle-Mantel. Oder einem Umhang. Und sein Kennzeichen ist kein Z wie Zorro sondern eine negative, schwarz gezackte Sprechblase. Und ein Stern im linken Auge – was mich immer an die Spiegelscherbe aus der Schneekönigin erinnert. Und ganz egal, wer den zeichnet, man erkennt ihn immer, ganz egal, wie klein die Rolle ist, die er in der Geschichte spielt – manchmal ist er nur auf einem Bild zu sehen. Und man braucht dazu auch gar nicht die Erkennungszeichen, ich zumindest rieche den drei Kilometer gegen den Wind.

Aber so sind die alle, die Endless Seven. Auch Death erkennt man ohne ihre Markenzeichen, das ägyptische Kreuz und die Pennerträne im Augenwinkel. Sie ist immer eine Gothic-Braut, eine von der sexy Sorte, meist mit knallengem Catsuit, hohen Stiefeln und schwarzer Lockenmähne. Und sie ist die einzige der Geschwister, die Gefühle hat. Den anderen sind die Menschen total egal. Aber Death hat Mitgefühl. Naja, okay, Gefühle hat ihr Bruder auch, aber die spielen sich eher unterhalb der Gürtellinie ab – egal, was er behauptet. Seine Herzschmerzattacken füllen Bände – immer, wenn mal wieder eine seiner Beziehungen gescheitert ist, weil Frau sich das ja nun nicht ewig antun kann, verbannt er sie mit Vorliebe bis in alle Ewigkeit in die Hölle. Ein Wunder, dass die nicht schon wegen Überfüllung geschlossen ist.

Wobei, die ist ja zu, aber das war eine andere Geschichte, das war Luzifer, die Fortsetzung vom Sandman. 🙂 Den hat aber nicht Gaiman geschrieben, das war jemand anders. Und da war es auch wieder mal sein Schwesterlein, die ihm ein schlechtes Gewissen gemacht hat. Und ihn dazu gebracht hat, eine seiner Ex-Geliebten nach gefühlten Ewigkeiten endlich mal zu befreien. War eine sehr lustige Story – und eindeutig nicht Gaiman, lustig ist der nämlich nicht.

Aber die beste ist ja Calliope. Obwohl es wirklich schwer ist, sich da zu entscheiden, es gibt so viele beste Stories bei Gaiman, der sprudelt einfach nur über von Ideen, und das ist alles so komprimiert, das ist wie Werbung. Eine komplette Geschichte in 90 Sekunden. Total auf den Punkt, der würde Harry Potter auf 150 Seiten abhandeln. Ohne etwas Wesentliches wegzulassen, der kriegt das hin, davon bin ich überzeugt.

Das Problem bei Gaiman ist, dass man für eine einzige Kurzgeschichte mindestens 4 Stunden Film bräuchte, um das alles in Echtzeit zu bebildern. Und dass meine Phantasie wirklich versagt, wenn ich mir vorstellen soll, wie man das Ende von Calliope umsetzen könnte. Und das ist Oneiros at his best, das ist eine so geniale Strafe für den Entführer der Muse der Dichtung, das kann man einfach nicht toppen. Und das müsste eben im Film ganz genau so rüberkommen – und das geht nicht. Das ging im Sternenwanderer auch nicht, nicht mal ansatzweise, der ist total kastriert, der Film.

Das geht schon gleich am Anfang los: Im Film fabriziert der Stern bei der Landung einen großen Krater – aber billige Knalleffekte gibt es bei Gaiman nicht. Da landet sie in einem Teich, und es gibt überhaupt keine Zerstörung, warum auch? Das ist doch Stronghold und nicht die Menschenwelt, warum sollte da ein Stern einen Krater machen?

Dafür ist aber das erste, was sie im Buch sagt: Scheiße. Was ja total verständlich ist, schließlich hat sie eine gebrochene Hüfte. Und der Absturz war ja nun wirklich nicht geplant. Aber das Hollywood-Starlet flucht nicht, die hat sich auch nichts gebrochen, das ist bestenfalls geprellt. Und ihre Befreiung von der Kette ist auch mal eben schnell ein bisschen umgeschrieben – waren die Filmleute nun zu faul oder zu blöd, um das so umzusetzen, wie es geschrieben steht? Und so geht das fröhlich weiter, die sind alle irgendwie ziemlich blass. Auch Michelle Pfeiffer ist enttäuschend. Dafür ist aber die Schwuchtel von de Niro total übertrieben, sowas albernes gibt es im Buch gar nicht. Dafür hat man aber den Ekelfaktor, ohne den Gaiman nun mal nicht auskommt, jedenfalls nicht völlig, völlig entfernt. Es gibt keine ekligen Szenen im Film – vermutlich ist das bei Coraline genauso. Dafür sind aber auch noch gefühlte 3 Millionen andere Dinge überhaupt nicht drin im Film – wie auch, man müsste ja mindestens fünf Fortsetzungen machen. Wenn das mal reicht.

Und dann der Sturm: bei Gaiman tobt der, der wütet, der brüllt, das ist wie der Ausbruch eines Vulkans – und zwar von innen betrachtet. Auch das sieht im Film total läppisch aus, wenn man die Vorlage kennt. Gaimans Schreibe ist einfach fulminant, wenn der loslegt, dann geht richtig die Post ab, der kennt keine Grenzen. Der jagt einen in einem nicht sonderlich dicken Buch durch sämtliche bekannten Zeitalter, und durch ein paar unbekannte noch dazu, da gibt es jede Menge Typen, die jede Menge völlig irrsinniges Zeugs machen, und dass man nicht völlig durcheinanderkommt liegt einfach daran, dass Gaiman nur und ausschließlich Archetypen beschreibt – und denen Namen gibt, die man einfach nicht vergessen kann. Ein Gaiman ist einfach eine Tour de Trance oder eine Rallye Dakar in Buchform. Er erweckt mal eben schnell ein paar Götter zum Leben – und das sind Götter, die sind total überzeugend. Ein bisschen in die Jahre gekommen, aber ich bin sicher, dass ich den einen oder anderen schon mal getroffen hab. Und der hat die alle drin in seinem Buch, auch Götter, die man gar nicht kennt. Die, die man kennt, sind aber alle da. Bloß die griechisch/römischen, die scheinen ihm zu menschlich zu sein, auf die verzichtet er lieber. Die spielen, wenn sie überhaupt mitspielen dürfen, nur Nebenrollen. Aber Ägypten ist vertreten, und natürlich die alten Germanen. Und ein paar slavische Götter auch, von denen ich noch nie was gehört hab. Die sind aber sehr spannend. Und seine Kali ist einfach nur genial. Der Leprechaun auch. Und was da sonst noch so alles kreucht und fleucht, es geht da ja um Ragnaroek, da sind die wirklich alle dabei, nicht nur die Germanen. Da kloppen sich die alten und die neuen Götter, die Cities und die Highways. Und natürlich das Internet. Und noch eine ganze Menge andere. Und wer hat das alles angezettelt? Der, den ich schon immer am coolsten von der ganzen Bande fand, der alte Rotfuchs. „Lowkey“ Liesmith. 😉 Den Namen kann man nicht vergessen, der ist so supercool. Man kommt echt erst am Ende drauf, wer das wirklich ist. Naja, nun hab ich aber schon zuviel verraten, der Gag ist hin. Aber es gibt ja noch eine Menge mehr Überraschungen. Tonnenweise, um genau zu sein. Gaiman ist der Sandman, das ist doch sonnenklar. Der hat den Ideenreichtum erfunden. Wer sich da nicht warm anzieht, der dreht ein bisschen frei. Wenn er nicht aufpasst. Entschleunigung ist was für Kleingeister, sowas kennt Neil Gaiman nicht.

Die Götter, das war „American Gods“, damit hat er schnell mal ein paar Preise abgesahnt, das ist ein irre gutes Buch – und total chaotisch. Manche haben Probleme mit ihm, die können ihm einfach nicht folgen auf seinem wilden Ritt, er ist Geschmackssache, er schreibt schon sehr rasant. Und er ist nichts für zart besaitete Gemüter, die sollten sich auf seine Kinderbücher beschränken, die sind nicht ganz so heftig. Coraline ist ja sowas wie Alice im Gruselland, das geht grad noch so. Wobei das Buch natürlich auch viel, viel ekliger ist als der Film, auf ein bisschen Horror kann er einfach nicht verzichten. Auf ein bisschen Andere Welt ja auch nicht, damit sollte man schon klarkommen, wenn man Gaiman lesen will. Die Mystik hat er natürlich auch erfunden.

Hollywood hat aber auch mal wieder seinen Witz nicht verstanden, hab ich das dringende Gefühl. Die mussten bei Coraline natürlich alles total entschärfen – sonst wäre der Film vermutlich P18. Das ist etwa so wie die Disney-Verfilmung vom Dschungelbuch. Das hat ja nun mit dem Original auch nicht das Geringste zu tun. Weil Hollywood der Meinung ist, dass sie so schlau sind, dass sie solche Kinderbuch-Klassiker zensieren können.

In Wirklichkeit verstümmeln die sie aber bloß. Und niemand kapiert mehr, worum es eigentlich geht. Das Trickfilm-Dschungelbuch ist ja nun nichts weiter als ein schlechter Witz. Eine Vergewaltigung von Kiplings Original. Gaiman haben sie ja immerhin bloß kastriert, da kann er im Grunde noch froh sein. Bis auf die Schwuchtel haben sie ihn ja wenigstens nicht ins Lächerliche gezogen – bei ihm gibt es keine Schwuchteln, das sind alles Kopien von Desire, und das ist der Hermaphrodit schlechthin. Und er/sie ist so sehr zweigeschlechtlich, dass ich davon überzeugt bin, dass es zur gleichen Zeit für zwei verschiedene Personen auch das jeweils passende Geschlcht verkörpert. DAS ist Gaiman – und nicht diese völlig bekloppte Schwuchtelparodie von de Niro. Aber der hat sich das sicherlich nicht ausgedacht, so blöd ist de Niro nicht. Der macht sich auch bloß lustig über diese Idioten, die da in Hollywood die Kohle und somit die Macht haben. Deswegen übertreibt er so maßlos. Der hat sich am Set wahrscheinlich in die Hosen gepinkelt vor Lachen. Und Gaiman vermutlich auch, das ist schon irgendwie ein irrer Witz.

Die haben mal wieder ganz klar zu verstehen gegeben, dass sie die Bücher nicht kapieren, die sie verfilmen. Und wenn man zu feige ist, die Dinge so zu zeigen, wie sie sind, dann sollte man doch einfach die Finger davon lassen und lieber Superman mal wieder aufwärmen. Das kriegt Hollywood ja grad noch so hin.

Jedenfalls denke ich, dass ich jetzt sofort zu Amazon muss, um Death zu bestellen. 🙂 Das geht ja nun so gar nicht, dass ich die immer noch nicht habe, die ist ja nun mein Liebling. Der Dreamlord ist einfach nicht mein Typ. Und sein Bruder Destruction hat sich leider zur Ruhe gesetzt, der kommt in meinen Büchern gar nicht vor. Aber auch das muss sich bald mal ändern, die Sandman-Reihe ist das erste, was ich kaufe, wenn ich endlich wieder zu Geld komme. Ich muss doch wissen, warum der seinen Job gekündigt hat und kochen lernt. Den Teil, wo das drinsteht, kenne ich nämlich noch gar nicht. Und das ist die Art Bücher, die ich nicht nur einmal lese, die kann ich mir immer wieder antun, so toll sind die. Allerdings definitiv nicht jugendfrei, das ist schon starker Tobak.